Springtime / Frühling!



Stehende Ovationen zu Hymnen
15 Jahre Neue Rheingauer Kantorei / Premiere von "Requiem for the Living" im Rhein-Main-Gebiet
Wiesbadener Kurier, 11.09.2017



Rheingau. (sf) – Lieder von Liebe und Sehnsucht, vom Tanzen und Springen, Melodien wie Erdbeeren mit Sahne: Wenn ein Chor, der seit vielen Jahren für seine großen Konzerte über die Grenzen des Rheingaus hinaus bekannt ist, sich an eine übermütige und bis zur Albernheit steigernde Interpretation der traditionellen Vogelhochzeit wagt, dann muss es Frühling sein. Mit gleich zwei Chorkonzerten mit passendem Programm zur Jahreszeit feierte die Neue Rheingauer Kantorei im Wonnemonat Mai den Frühling mit musikalischen Hochgenüssen.

Und obwohl sich auch das Frühlingswetter von seiner schönsten Seite zeigte, kamen doch überaus viele Besucher am Samstag und Sonntag in die evangelischen Kirchen in Geisenheim und Erbach. Belohnt wurden sie dafür mit einem launigen, munteren, aber auch besinnlichen Programm, präsentiert von einem Chor, dessen fröhlich buntes Auftreten nicht nur eine Augenweide, sondern vor allem auch ein gesangliches Vergnügen war. Passend zum Outfit gab es ein bunt gemischtes Kaleidoskop von Liedern deutscher, irischer, englischer und auch schwedischer Herkunft. Für den Chor, der sich schon in zahlreichen Programmen der anspruchsvollen geistlichen Musik widmete und auch große Oratorien zu seinem Programm zählt, war dies eine gelungene Möglichkeit, sich einmal von einer ganz anderen Seite zu zeigen.

Das farbenfrohe Bild zog sich wie ein roter Faden durch die beiden Konzerte: Die 60 Sängerinnen und Sänger spannten unter der bewährten Leitung von Dekanatskantor Tassilo Schlenther einen bunten Bilderbogen aus bekanntem und wenig bekanntem, zeitgenössischem und altem Liedgut wie „When Daisies Pied“, „Mit Lieb bin ich umfangen“, „Danny Boy“ oder „Innsbruck, ich muss dich lassen“ und „The Long Day Closes“ . Einfühlsam begleitet wurden sie dabei von Andreas Karthäuser am Klavier. Die Zuhörer lauschten gebannt und bisweilen belustigt der musikalischen Reise über grüne Wiesen zwischen bunten Blumen, so mit dem Eröffnungstitel „Leise zieht durch mein Gemüt“ oder „When daisies pied“ nach William Shakespeare. Ein sehnsüchtiges, tieftrauriges „Weep, o mine eyes“ vermochte ebenso gesanglich zu überzeugen wie die Klassiker „Greensleeves“ oder „Danny Boy“.

Die Begegnungen mit allerhand munterem Getier, wie im Stück „Contrapunto Bestiale“, wo keiner schöner bellte als Udo Seipp im Tenor, und eben in der legendären „Vogelhochzeit“: Mit Lerche, Auerhahn, Pinguin und weiterem Federvieh versetzte der Chor das Auditorium in ausgelassene Stimmung. Nur Minuten später gelang es dem Chor dann aber wieder das Publikum in der meditativ vorgetragenen indianischen Weise „Evening Rise“ in eine ausdrucksstarke Melodik zu überführen.

Maßgeblichen Anteil am Erfolg des Konzertes war den beiden Moderatoren Mechthild Böhm und Gernod Pfeiffer anzurechnen: Mit viel Hintergrundwissen und sichtlichem Spaß am eigenen Wirken geleiteten die beiden Chormitglieder das mit Zwischenapplaus freigiebige Publikum durch ein musikalisches Kaleidoskop, so reichhaltig und vielfältig wie der Frühling selbst.

Am Ende bescheinigten die Zuhörer der Neuen Rheingauer Kantorei mit Standing Ovations, dass der Ausflug in den Frühling und ein bunt gemischtes Liedprogramm als rundum gelungen gelten kann. Schlenthers spontane Idee, für die Zugabe das Auditorium zum Mitsingen einzuladen, mündete in einem beinahe 200-stimmigen „Der Mond ist aufgegangen“. Ein sympathischer Abschluss für einen sympathischen und zugleich musikalisch wieder voll überzeugenden Chor, auf dessen weitere Projekte man heute schon gespannt sein darf.


Um diese gewaltig wirkende Komposition von Dan Forrest so gut wie möglich vortragen zu können, hatte der Chor sich die Unterstützung des Kammerorchesters "Glob'Arte" und der beiden professionellen Solisten Janina Moeller und Hans-Helge Gerlik gesichert. Mit ihrem besonderen stimmlichen Können unterstützen die Mezzosopranistin und der Bariton den 60 Sänger und Sängerinnen starken gemischten Chor.

Nachdem Chormitglied Mechthild Böhm herzlich alle Konzertbesucher begrüßt hatte und andächtige Stille auf den Stühlen und Bänken eingekehrt war, fiel mit dem "Kyrie" aus Dan Forrests Komposition der Startschuss für einen besonderen musikalischen Abend. Schon nach den ersten Tönen war klar, dass es sich bei den Werken des Abends keineswegs um normale Chorliteratur handelt. Nachdem das "Kyrie" und das "Vanitas Vanitatum" die Besucher bereits auf ihre Sitze gefesselt hatte, brachte das "Agnus Dei" mit dem Einsatz der Sopranistin Janina Moeller sogar noch eine Steigerung mit sich. Das besonders gefühlvolle Stück markierte den Höhepunkt des Abends.

Ob durch die große Harfe mit ihren sanften Tönen im Zentrum des Orchesters oder die Zusammenführung von Chor, Sopran- und Bariton-Solisten während des "Lux aeterna" - alle Musiker überraschten immer wieder mit neuen Facetten. Mit kaum enden wollendem Applaus belohnten die Zuhörer die Uraufführung von "Requiem for the Living" im Rhein-Main-Gebiet.

Eine weitere Besonderheit folgte: Für die "Mass of the Children" von John Rutter gesellten mit dem Kinder- und Jugendchor vom Rheingauer Dom weitere 30 junge Sänger und Sängerinnen in den Altarbereich. Erstmalig traten die Chöre bei diesem Konzert gemeinsam auf. Mit ihren hellen, zarten Stimmen übernahmen die jungen Sänger die eigens für sie komponierten Hymnen und hielten auch mit den Erwachsenen sehr gut mit. Die klanggewaltige Umsetzung durch die Neue Rheingauer Kantorei würdigten die Konzertbesucher mit stehenden Ovationen.